Was ist ein KI-Reifegradmodell?

Kurz gesagt

Ein KI-Reifegradmodell beantwortet die Frage „Wo stehen wir bei KI?“ mit einem Befund statt mit Bauchgefühl.

Es zerlegt die KI-Einführung in Dimensionen, beschreibt für jede Dimension beobachtbare Stufen und zeigt damit, wo ein Unternehmen steht und was der nächste Schritt ist.

Road.MAP for AI ist das Reifegradmodell, das ich bei Storm Reply gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen entwickelt habe. Grundlage war eine Analyse von sieben bestehenden Reifegradmodellen. Drei Befunde haben uns überrascht: Keines davon kennt eine Kostendimension, keines eine agentische Zielstufe, und keines trennt Organisationsreife von Prozesseignung. Methodisch steht das Modell auf zehn wissenschaftlichen Rahmenwerken, aus denen rund 150 Fragen abgeleitet sind.

KI verstärkt, was da ist – aber nur in einer Richtung. Wer bei den Beschleunigern weit vorn ist und beim Rahmen aus Governance, Sicherheit und Kostensteuerung zurückbleibt, bekommt kein Mittelmaß, sondern Schaden im Tempo seiner stärksten Dimension.

Das ist die Leseregel, um die sich das ganze Modell dreht. Umgekehrt entsteht kein Risiko, sondern Leerlauf: Ein starker Rahmen bei geringem Einsatz ist keine Reife, sondern deren Abwesenheit.

Die fünf Stufen der KI-Reife

  1. Experiment – Einzelne probieren KI auf eigene Initiative aus, oft mit privaten Accounts. Die Organisation weiß nichts davon und steuert nichts.
  2. Pilot – Richtlinie, Budget und Anwendungsfälle sind beschlossen, aber nichts davon greift technisch. Auf dieser Stufe bleiben die meisten Organisationen hängen.
  3. Kontrollierter Rollout – Die Regeln greifen im System: nur freigegebene Modelle, durchgesetzte Rechte, Budgets und ein Owner je Anwendungsfall.
  4. Skalierter Regelbetrieb – gemessen, verrechnet, auditierbar. Für die meisten Organisationen ist das in den Dimensionen, die ihre Anwendungsfälle brauchen, das richtige Ziel.
  5. Agentische Organisation – Neue Anwendungsfälle und Governance-Nachweise entstehen aus dem laufenden Betrieb, Agenten handeln in geklärten Rechteketten. Die Stufe setzt agentischen Betrieb voraus.

Die härteste Grenze liegt zwischen Stufe 2 und Stufe 3, zwischen „beschlossen“ und „erzwungen“. Alles ist beschlossen, nichts ist erzwungen: Das ist Stufe 2 in einem Satz. Die Stufen gelten je Dimension. Ein Unternehmen steht nicht auf einer Stufe, sondern auf neun, und selten auf derselben.

Jede Stufe beschreibt einen Zustand, keine Aktivität. Eine durchgeführte Schulung ist eine Aktivität; ob die Organisation drei Monate später anders arbeitet, ist ein Zustand. Nur Zustände lassen sich prüfen.

Die neun Dimensionen

Die Dimensionen sind entlang des Technology–Organization–Environment-Rahmens1 geschnitten. Zwei betreffen das Umfeld (Strategie & Portfolio, Governance & Recht), drei die Technik (Infrastruktur & Rechte, Sicherheit & Risiko, Wissen & Daten) und vier die Organisation (Kosten & Steuerung, Organisation & Befähigung, Kultur & Change, Prozesse & Wertbeitrag). Jede Dimension hat eine Leitfrage und für jede Stufe einen Anker, an dem sich die eigene Stufe erkennen lässt2:

DimensionStufe 1
Experiment
Stufe 2
Pilot
Stufe 3
Kontrollierter Rollout
Stufe 4
Skalierter Regelbetrieb
Stufe 5
Agentische Organisation
Strategie & PortfolioWofür setzt das Unternehmen KI ein – und wer hat das entschieden?Kein Zielbild; wer eine Idee hat, probiert sie aus.Absichtserklärungen und eine Ideenliste, aber keine gemeinsame Entscheidung und kein Auswahlraster.Zielbild formuliert, Kandidaten nach Wert und Machbarkeit bewertet.Zielbild beschlossen und mit Geschäftszielen verknüpft, Portfolio wird in festem Review gesteuert.Zielbild und Portfolio werden laufend aus Markt- und Betriebsdaten nachgeschärft.
Governance & RechtWer darf was, mit welchem Modell, unter welcher Regel?Keine verbindliche Regel vorhanden.Nutzungsrichtlinie ist verabschiedet und kommuniziert.Nur freigegebene Modelle sind technisch erreichbar.Jeder produktive Anwendungsfall ist eingestuft und auditierbar.Regeln sind als Code hinterlegt, Nachweise entstehen automatisch.
Infrastruktur & RechteWie läuft KI technisch, sicher und unternehmensweit?Nutzung nur über SaaS-Oberflächen, keine Integration.Erste Anbindung an einzelne Systeme, Zugang über geteilte Schlüssel.Zentrale Plattform mit SSO und serverseitiger Authentifizierung.Der Agent handelt im Auftrag des Nutzers und erbt dessen Rechte.Agent-to-Agent mit durchgängiger Rechtekette.
Sicherheit & RisikoWas passiert, wenn es schiefgeht – und merkt es jemand?Kein Risikoblick. Eingaben landen ungeprüft bei Dritten.Risiken sind benannt, Maßnahmen fehlen.Schutz gegen Prompt-Injection und Datenabfluss greift technisch.KI-Vorgänge protokolliert, Incident-Prozess mit KI-Szenario erprobt.Red Teaming und Angriffserkennung laufen im Betrieb.
Wissen & DatenWorauf greift die KI zu – und in welcher Qualität?Kontext kommt per Copy-Paste.Eine einzelne Quelle ist angebunden, alles Weitere kommt per Hand.Mehrere Quellen über Konnektoren, rechtekonform.Unternehmensweiter Wissensbestand (Knowledge Hub) mit Quellenverzeichnis, Qualität wird gemessen.Wissen steht als Dienst für Menschen und Agenten bereit.
Kosten & SteuerungWas kostet KI, wer verantwortet es, wie wird es begrenzt?Kosten sind unbekannt.Budget ist gesetzt, aber nicht gesteuert.Kosten je Anwendungsfall sind sichtbar, Limits greifen technisch.Kosten sind je Anwendungsfall und Nutzer verrechnet.Kosten-Nutzen-Steuerung läuft automatisch zur Laufzeit.
Organisation & BefähigungWer kann damit umgehen – und wer verantwortet den Betrieb?Nur einzelne Enthusiasten, niemand ist zuständig.Freiwillige Sessions, Verantwortung ungeklärt.Lernpfade je Rolle, Ownership je Anwendungsfall benannt.Verbindliches Curriculum, Betriebsmodell steht.Lernen und Ownership tragen sich im Arbeitsfluss selbst.
Kultur & ChangeNehmen die Menschen KI an – und wer räumt die Widerstände aus?Stimmung unbekannt, Sorgen kursieren ungesteuert.Sorgen sind bekannt, Begleitung ist punktuell.Change-Begleitung je Rollout, Führung nutzt KI sichtbar.Stehendes Change-Programm, Adoption wird gemessen und gesteuert.Veränderung trägt sich selbst, Belegschaft fordert KI ein.
Prozesse & WertbeitragWelche Abläufe verbessert KI – und woher weiß jemand, dass es sich lohnt?Einzelexperimente, Nutzen wird behauptet.Kandidaten benannt, Abläufe unverändert, Nutzen nicht gemessen.Abläufe systematisch bewertet, Zielgrößen je Fall, Betriebspfad definiert.Abläufe neu gestaltet, Nutzen je Fall gemessen.Fälle entstehen aus Prozessdaten, Nutzen wird laufend nachgeführt.
Road.MAP for AI: neun Dimensionen × fünf Stufen, je Feld der Stufenanker.

Mit Katalog 3.0 ist Strategie & Portfolio dazugekommen: wofür das Unternehmen KI einsetzt, wer das entschieden hat und wie viel Risiko es dabei eingehen will. Aus Anwendungsfälle & Wertbeitrag wurde Prozesse & Wertbeitrag, weil der Unterschied darin liegt, ob Abläufe für KI neu gestaltet oder nur beschleunigt werden.

Organisation & Befähigung und Kultur & Change waren anfangs ein Thema. Wir haben sie getrennt, weil sie zwei verschiedene Fragen beantworten: ob Menschen mit KI umgehen können und ob sie es wollen. Ein Team kann perfekt geschult sein und das Werkzeug trotzdem umgehen.

Warum ein Profil statt einer Gesamtnote?

Ein Beispiel: 3,4 von 5 klingt nach einem soliden KI-Reifegrad. Im Profil dahinter stehen vier Dimensionen im skalierten Regelbetrieb, aber Governance & Recht hängt auf Stufe 2. Die Richtlinie ist verabschiedet, lebt aber in einem Dokument, nicht in der Technik. Die Organisation kann KI technisch skalieren, hat aber keinen durchsetzbaren Rahmen dafür.

Der Durchschnitt glättet genau die Unwucht weg, um die es geht. Entscheidend ist, wo der Engpass liegt. Drei Dimensionen setzen den Rahmen: Governance & Recht, Sicherheit & Risiko und Kosten & Steuerung. Ein Engpass dort erhöht das Schadensrisiko durch Rechtsverstöße, Sicherheitsvorfälle oder Kosten, und zwar umso stärker, je schneller die übrigen Dimensionen sind. Die anderen sechs beschleunigen. Ein Engpass bei ihnen bremst und erzeugt im Zweifel Leerlauf. Das Ziel ist Tempo mit Rahmen.

Deshalb wird eine Dimension im Modell auch nach unten gedeckelt: Sie kann nicht auf Stufe 4 stehen, wenn eine ihrer Kernfragen auf Stufe 2 steht.

Das Ziel ist nicht Stufe 5

Neben dem Ist, dem AI Readiness Profile, steht das Ziel, das AI Target Profile. Es hängt von Branche, Regulierung, Risikobereitschaft und den geplanten Anwendungsfällen ab. Zwei Beispiele: Ein Versicherer mit Agenten im Kernprozess braucht Governance & Recht sowie Sicherheit & Risiko auf Stufe 4, bevor der erste Agent produktiv arbeitet. Ein Maschinenbauer mit interner Wissenssuche kommt dort mit Stufe 3 aus, profitiert aber von Stufe 4 bei Wissen & Daten, Infrastruktur & Rechte sowie Prozesse & Wertbeitrag.

Die Road.MAP ist der Weg vom Ist zum Ziel. Das Modell beschreibt ihn in 146 Bausteinen über alle Dimensionen und Stufen, etwa „Zugang über ein zentrales Gateway erzwingen“ oder „Mitbestimmung früh an den Tisch“. Welche Bausteine anstehen, ergibt sich aus dem Abstand zwischen Ist und Ziel; die Reihenfolge folgt Abhängigkeiten und Nutzen. Diese Reihenfolge ist die eigentliche strategische Entscheidung.

Wie Softwareanbieter (ISVs) mit einer Road.MAP die Cloud-Reise und die KI-Reise gemeinsam angehen, zeigt der Artikel ISVs auf zwei Reisen: Wie Softwareanbieter Cloud und KI mit einer Road.MAP angehen.

Wie wird eingestuft?

Ein Beispiel für so einen Unterschied: Die Unternehmensleitung sieht Kultur & Change auf Stufe 4, die Lizenzen sind ausgerollt. IT & Plattform sieht ebenfalls Stufe 4, das eigene Team nutzt KI täglich. Die Prozessverantwortlichen sehen Stufe 1, denn mit ihrem Team hat niemand besprochen, was KI für die eigene Arbeit bedeutet. Keine der drei Einschätzungen ist falsch. Genau dort setzt die Road.MAP an.

Warum die Organisation dabei der größere Teil der Arbeit ist, beschreibt der Artikel Menschen und Agenten als ein Team: Warum KI-Einführung vor allem Change-Management ist.

Worauf das Modell methodisch steht

Das Modell ist keine freie Erfindung. Die zentralen Bauentscheidungen stützen sich auf etablierte Rahmenwerke:

Die Grenzen gehören dazu: Die Fragebatterien sind an validierte Skalen angelehnt, in dieser Zusammenstellung aber nicht selbst validiert. Selbsteinschätzung bleibt Selbsteinschätzung; die Evidenzpflicht mildert das, ersetzt aber keine externe Prüfung. Und Stufe 5 ist in der Praxis kaum belegbar, weil es zu wenige Organisationen gibt, die dort stehen. Ihre Anker sind konstruiert, nicht beobachtet.

Und die Softwareentwicklung?

Für die Softwareentwicklung gibt es eine eigene Landkarte: Wie weit dürfen KI-Agenten in jedem Schritt autonom arbeiten, und wie weit trägt die Verifikation? Der Leitsatz dort: Autonomie nur so weit, wie die Verifikation trägt. Mehr dazu auf der Themenseite Agentic Engineering.

Häufige Fragen zum KI-Reifegrad

Was ist Road.MAP for AI?

Road.MAP for AI ist ein Reifegradmodell für die Einführung von KI in Unternehmen. Es bewertet neun Dimensionen – Strategie & Portfolio, Governance & Recht, Infrastruktur & Rechte, Sicherheit & Risiko, Wissen & Daten, Kosten & Steuerung, Organisation & Befähigung, Kultur & Change sowie Prozesse & Wertbeitrag – auf jeweils fünf Stufen. Entwickelt hat es Dr. Sven Seiler bei Storm Reply, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen.

Welche Stufen der KI-Reife gibt es?

Fünf: Experiment, Pilot, Kontrollierter Rollout, Skalierter Regelbetrieb und Agentische Organisation. Die Stufen gelten je Dimension, ein Unternehmen hat also neun Stufen, nicht eine. Die größte Hürde liegt zwischen Stufe 2 und 3: Dort werden aus beschlossenen Regeln technisch erzwungene.

Warum gibt es keine Gesamtnote?

Weil ein Durchschnitt genau die Unwucht versteckt, die das Problem ist. Liegt der Engpass im Rahmen aus Governance & Recht, Sicherheit & Risiko oder Kosten & Steuerung, steigt das Schadensrisiko. Liegt er bei einer der sechs beschleunigenden Dimensionen, bremst er. Das Ergebnis ist deshalb ein Profil über neun Dimensionen.

Muss jedes Unternehmen Stufe 5 erreichen?

Nein. Für die meisten Organisationen ist Stufe 4 in den Dimensionen, die ihre Anwendungsfälle brauchen, das richtige Ziel. Stufe 5 setzt agentischen Betrieb voraus. Im Assessment wird deshalb neben dem Ist auch das Ziel erhoben, das AI Target Profile.

Was unterscheidet Road.MAP for AI von anderen KI-Reifegradmodellen?

Drei Dinge fehlten in allen sieben Modellen, die wir analysiert haben: eine eigene Dimension für Kosten und Steuerung, eine agentische Zielstufe und die Trennung von Organisationsreife und Prozesseignung. Dazu kommen die Evidenzpflicht ab Stufe 3, die Befragung mehrerer Rollen und der Verzicht auf eine Gesamtnote.

Was ist das 360° AI Readiness Assessment?

Die vollständige Erhebung zu Road.MAP for AI: rund 150 Fragen an neun Rollen, von der Unternehmensleitung bis zur Arbeitnehmervertretung. Ergebnis sind das AI Readiness Profile (Ist), das AI Target Profile (Ziel), die Wahrnehmungsunterschiede zwischen den Rollen und eine priorisierte Road.MAP.

Wie wird der KI-Reifegrad erhoben?

Zur Orientierung mit dem AI Readiness Pulse Check aus 18 Fragen (10 bis 15 Minuten), vollständig mit dem 360° AI Readiness Assessment. Ab Stufe 3 gilt eine Bewertung nur mit Nachweis, also einem benennbaren Artefakt wie einer Richtlinie oder einem Dashboard.

Quellen

  1. Tornatzky, Louis G.; Fleischer, Mitchell: „The Processes of Technological Innovation“, Lexington Books, Lexington (MA), 1990. ISBN 0-669-20348-3. openlibrary.org
  2. Storm Reply: „Das Reifegradmodell: neun Dimensionen, fünf Stufen“, Road.MAP for AI, ki-etablieren.de. ki-etablieren.de
  3. Storm Reply: „KI-Reifegrad-Check“, AI Readiness Pulse Check zu Road.MAP for AI, ki-reifecheck.de. ki-reifecheck.de
  4. CMMI Product Team: „CMMI for Development, Version 1.3“ (CMU/SEI-2010-TR-033), Technical Report, Software Engineering Institute, Carnegie Mellon University, 2010. DOI: 10.1184/R1/6572342.v1. doi.org
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  8. Davis, Fred D.: „Perceived Usefulness, Perceived Ease of Use, and User Acceptance of Information Technology“, MIS Quarterly 13(3), S. 319–340, 1989. DOI: 10.2307/249008. doi.org
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